Aufgeben

Vor Kurzem wurde ich auf meiner Arbeit von einer Kollegin (26) gefragt, ob ich mir denn in naher Zukunft vorstellen könnte, auf dem ersten Arbeitsmarkt zu arbeiten. Sie sagte, wir beide seien ja prinzipiell noch zu jung, um quasi „aufzugeben“. Da ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich durch meine aktuelle Arbeit ja eigentlich keineswegs am „Aufgeben“ bin. Ich sehe diesen Job vielmehr als Chance, noch etwas aus meinem Leben zu machen. Die Stelle bietet mir auf jeden Fall eine Tagesstruktur, von Montag bis Freitag, ein kleines Gehalt, Freizeitangebote obendrein (Kickern, Billard, Dart und Skip-Bo) und tolle Kollegen sowie super Vorgesetzte. Sie ist eine Werkstatt für Menschen mit psychisch belasteter Vergangenheit oder Gegenwart (Depressionen, Psychosen, Manie, Schizophrenie, Alkoholismus), die es unter normalen Arbeitsbedingungen auf dem ersten Arbeitsmarkt sehr viel schwerer hätten.

Ich glaube, ich bin dort gut aufgehoben. Außerdem machen mir die Tätigkeiten noch dazu Spaß.

Und ja, ich zweifel an meinen Fähigkeiten und fühle mich noch nicht dazu bereit, einen Schritt weiterzugehen.

Liebe treue Leser

Ich weiß ja gar nicht, wie lange ich mich nicht hab blicken lassen hier auf dieser Seite. Was daran liegt, dass in meinem Leben keine großartigen Dinge passieren mehr. Ich habe jetzt seit gut eineinhalb Jahren einen Job in der nächstgelegenen Stadt, wo ich jeden Tag mit Bus hinfahre. Immer wenn ich dann im Bus sitze, geht mir der Satz durch den Kopf: Holden Coffeeld on tour. Dann beobachte ich durch die Fenster die Geschehnisse um mich herum. Die vielen Menschen mit ihren Handys, Hunden oder Kindern.

So sieht’s aus. Ich bilde mir ja kaum ein Urteil darüber. Aber ich nehme meine Umwelt als seltsam wahr, nachwievor. Ich habe übrigens keine Bullimie mehr, wiege aber noch mehr als je zuvor. Das Gewicht verrate ich nicht. Seit dem neuen Jahr probiere ich Intervallfasten aus. Mein Haupternährungsmittel ist Kaffee und Nikotinglimmstengel versetzt mit Teer und Blausäure. Davon sterbe ich zwar nicht, aber es ist auch schon so eine Art „Selbstmord auf Raten“ wie mal jemand zu mir zu sagen pflegte.

Jeden Abend im Bett denke ich dann aber darüber nach, dass ich ja eigentlich gar nicht mehr sterben möchte und so. Ich will noch so viel erleben und Dinge machen, Spaß haben und mich weiterentwickeln, meine Vergangenheit bewältigen und wieder Freunde finden, die mich jenseits vom Alkohol auch so bezaubern können. Seit zwei Jahren trinke ich keinen Alkohol mehr, was für mich wohl das beste ist, um keine Psychosen herauszufordern oder Katerdepressionen, die ich immer hatte.

Neben einer Therapie besuche ich seit gestern auch eine Selbsthilfegruppe für Depressionserfahrene. Mal sehen. Vielleicht bringt’s ja was. Und ihr so? Habt ihr mich schon vergessen oder wartet ihr schon so lange auf ein Lebenszeichen von mir? Kann ich natürlich verstehen. Die Liebe spielt keine Rolle zurzeit. Die Kunst auch nicht mehr so. Außer bunte Kratzbilder und hin und wieder ein Wasserfarbenbild produziere ich nichts. Meine Fantasie lebt sich in meinen Träumen aus in der Nacht, wenn ich schlafe.

So, das war’s auch schon wieder fürs erste. Mir gehen zwar noch mehr Dinge durch den Schädel, die ich euch mal von Zeit zu Zeit berichten könnte. Aber mehr dazu später. Hab euch lieb und gute Nacht.

Die Lisa (alias coffeeld)

arbeit im rückblick

ich bin voll der gut drauffige typ im moment und sag schnell mal, was mir so durch die rübe geht. in diesem sinne hoffe ich, dass sie mir das nicht allzu übel nimmt, die praktikantin im reha-café, dass ich sie fragte, ob es heute zum mittag fisch gegeben habe. die ganze bude hat nach fisch gerochen. ich arbeite 20 stunden in der woche für diesen verballerten, aber so liebenswürdigen und tollen club xyhundertundeinemillion, in dem ich vor fünf jahren selber rehabilitant war, und bin da nun für viele bereiche mit zuständig. meine aufgaben sind z.b. backen, kochen, putzen, wischen, saugen, kellnern, dekorieren, servieren, einkaufen, spülen, küchendienst und ganz viel mehr. kein tag vergeht mit langeweile und das leben und arbeiten unter gleichartigen menschenwesen mit psychischen psychogedöns-geschichten ist doppelt fantastisch. ehrlich.

es ist nicht nur doppelt, sondern hundertmal toller als ein dreiviertel verficktes jahr lang so eine behinderte einstiegsqualifizierung in einem abgefuckten ausbeuterbetrieb zu machen, einer redaktion- und anzeigenleitung unter flügeln der scheinheiligkeit und einer brechreiz erregenden arroganzparade, die einem wohltätigkeitssinn gleichen möchte, aber so falsch und verdorben ist, dass ihre erzeugnisse bloß toxische gase in die umgebenden lüfte weht und alle sozial gestrickten menschen darin qualvoll ersticken will.