Liebe Welt

Es gibt etwas, was ich dir sagen muss, weil ich es schon viel zu lange aufgeschoben habe, es dir zu sagen. Es bedrückt mich und ich denke fast jeden Tag darüber nach. Es ängstigt mich und macht mich verrückt und das Gefühl, damit allein zu sein, macht mich noch viel verrückter. Also darum erzähle ich dir, was ich so sehr befürchte.

Am besten fange ich so an: Ich habe immer gesagt, dass die Welt niemandem gehört und niemand hat mehr Recht oder mehr Anspruch auf ein Land. Erst recht kann kein Mensch der Erde eine Grenze ziehen. „Grenzen töten“ steht überall in der Stadt, in der ich lebe. „Kein Mensch ist illegal“. Die Menschen wachsen so eifrig zusammen wie niemals je zuvor. Das ist möglich, weil wir in unserer modernen und aufgeklärten Gemeinschaft so liberal geworden sind, abgesehen natürlich von den technologischen Entwicklungen, was Kommunikation, Mobilität und Transport und so was alles angeht, die haben das auch möglich gemacht.

Wenn wir sagen würden wie ein Nazi „fickt euch alle“, dann würden wir keinen Einwanderer hineinlassen. Das ist auch alles purer Blödsinn, denn es ist wichtig, gemeinschaftlich und hilfsbereit zu sein und offen für andere.

Es belastet mich, dass man dieser Tage in diesen Atemzügen aufpassen muss, etwas Kritisches demgegenüber zu äußern, nach dem inzwischen so fest verankerten Prinzip „Ich bin ja kein Nazi, aber..“.

Ich bin ja kein Nazi, aber ich habe trotzdem Angst und zwar vor der Entfremdung, nicht unseres „Landes“, das ist ekliger, patriotischer Drecksmüll, nicht unserer „Kultur“, denn eine Kultur ist nie so steif, dass sie nicht von andern Einflüssen geformt werden dürfte. Sondern vor der Entfremdung von Werten, für die meine Vorfahren in diesen weiten Teilen der Welt gekämpft haben, für diesen Idealismus, mit dem meine Generation so selbstverständlich aufgewachsen ist und wir darum nie einen Fuß auf die Straße setzen mussten, um irgendwelche Schilder in die Höhe zu halten, weil alles so unfair um uns herum ist, damit endlich jede Frau und jeder Mann, jeder Muslim und jeder Jude, jeder Homo- oder Transsexuelle und jeder verfickte Mensch in dieser Gegend die gleiche Wertschätzung bekommt wie jeder andere.

Als Kind habe ich immer philosophiert mit meinen Geschwistern, wir haben gesagt: Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt, vielleicht entwickeln wir uns auch zurück.

Eine Masse von Menschen assimiliert immer. Und wenn diese eine Menge der Masse aus aufgeklärten, toleranten und offenen Menschen besteht und eine andere aus weniger aufgeklärten, weniger toleranten und weniger offenen Menschen, dann ergibt sich vielleicht eine Angleichung beider, um sich in der Mitte zu treffen, wohingegen das Bessere leicht hinabgestuft und das Schlechtere etwas aufgewogen werden könnte.

Das ist alles furchtbares Geschwafel, obwohl es wahr ist.

Ich fühle, als würde ich fallen.

Ich gehe durch meine Heimatstadt und es ist anders als früher. Ich spüre oft am eigenen Leib furchtbare Blicke von Männern, die ich einfach nicht ertragen kann, von Männern, die wahrscheinlich aus dem Nahen Osten kommen und ursprünglich einer Kultur angehören, in der Frauen stets bloß als Objekte der Begierde gelten, Menschen, die trotz alledem immer untergestellt bleiben und keinen Ton zu sagen haben. Ich habe beobachtet, dass auch andere Frauen mit solchen Blicken gemustert werden. Es ist dabei die widerwärtige Unverschämtheit eines Mannes, eine Frau von oben bis unten schier zu beglotzen, sich absichtlich merkbar herumzureißen, um noch mal stieren zu können, und sie wie ein Tier im Zoo zu begaffen. Das ist despektierlich und eine ekelhafte, herabwürdigende Geste und es fühlt sich an wie eine Vergewaltigung auf psychischer Ebene, als würde der Mann dir sagen, dass alles, was er kriegen will, er auch bekommen wird, und damit meint er eben auch dich, weil du als Frau in seinen Augen nur ein Spielzeug bist.

Ich kann das nicht akzeptieren, ich kann aber auch nichts dagegen sagen, weil ich Angst habe. Ich habe auch Angst davor, dann verprügelt oder überfallen zu werden, später, dass mir jemand folgt bis zu meiner Wohnungstür und mich dann ausspäht oder mir einfach Angst einjagen will, wenn ich jemals als emanzipierte Frau diesem Mann erklären will, dass ich genau so viel Wert habe wie er.

Eine Tatsache ist, dass das keine Übertreibungen sind, keine Lügengeschichten oder Märchen, es findet statt, gerade eben, in der Mitte unserer Gemeinschaft. Jeden Tag reisen Menschen an, die noch nicht so weit sind mit ihren Moralvorstellungen (das ist keine Lüge, das ist die Wahrheit) in Bezug auf Freiheit, Gleichheit und.. Geschwisterlichkeit. Vor allem in Bezug auf die Gleichheit. Ich habe extrem große Angst davor, dass diese Werte an Gewicht verlieren, wenn überall in diesen Gegenden prozentual gesehen mit jedem Tag der Anteil derer schrumpft, die damit auch groß geworden sind.

Und ich will einfach nicht mehr angesehen werden wie ein Gorilla, von irgendwelchen Macho-Wichsern aus irgendwelchen Wüstengegenden.

Ein Gedanke zu „Liebe Welt

  1. Das hast du wirklich sehr gut geschrieben.

    Man muss kein Nazi sein, um zu sagen, dass einem dieser Zustand (berechtigterweise) Angst macht.
    Ich habe selbst schon meine Erfahrungen gemacht, die leider nicht mehr nur bei Blicken blieben. Ich war ein Objekt und obwohl es glücklicherweise vorher, bevor mir etwas so schlimmes, was ich nicht einmal niederschreiben kann, gestoppt werden konnte, fühlte ich mich dreckig und benutzt.
    Wir müssen jetzt leider in erhöhter Alarmbereitschaft sein und hoffen, dass uns nichts schlimmeres zustößt.

    Selbst wenn wir immer darüber gescherzt haben, dass ich ja ganz rechts sei, so bin ich natürlich, so wie du, für ein friedliches Zusammenleben. Deshalb trifft mich auch sehr, dass wirkliche Flüchtlinge, die, die Wirklich vor Not, Leid und Elend flüchteten und bei uns einfach suchen, was für uns selbstverständlich ist – Dinge wie eigene Bestimmtheit und vor allem Würde – natürlich unter dieser Art „Flüchtlinge“ (welche ja oftmals keine sind und die Welle der Neuankömmlige für ihre eigenen, niederen Interessen missbrauchen) mitleiden müssen.
    Als deutscher Durchschnittsmichel fällt es da leider oftmals schwer zu differenzieren, eine Grenze zwischen den Bedürftigen und den Schmarotzern ziehen zu können und im Endeffekt gibt es nur noch den grauen Brei.
    Das Wort „Flüchtling“ bekam dadurch eine völlig andere Definition. Die Definition einer kriminellen, zerstörenden und eben schmarotzenden Welle von, ich sags mal harsch, Untermenschen.
    Denn es gibt Uns und es gibt *DIE*.

    Dieser Zustand ist einfach von allen Seiten betrachtet einfach traurig und verwirrend.

    take care

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s